Quelle: Lokalzeit OWL aktuell (WDR Bielefeld)
Beitrag vom 24.6.03 von Jenny Carstens

Vielleicht erinnern Sie sich: Vor gut anderthalb Jahren trat Nicki, eine 40jährige Frau aus Gütersloh, vor eine ARD-Kamera und sagte aus, sie sei als Kind von Satanisten missbraucht, gequält und gefoltert worden. In der Wewelsburg bei Büren im Kreis Paderborn habe sie sogar ihr eigenes Kind töten müssen. Das klingt unglaublich, aber die Staatsanwaltschaft hat die Akte bis heute noch nicht schließen können. Heute Abend strahlt die ARD um 23 Uhr eine Fortsetzung von Nickis Geschichte aus. Darin kommen auch weitere Frauen aus Ostwestfalen-Lippe zu Wort, die Nickis Berichte teilweise bestätigen. Hier eine Chronologie der Ereignisse und eine Zusammenfassung unserer Recherchen.

Nickis Film im Dezember 2001 hatte Folgen. Sie hat anderen Opfern Mut gemacht, sich mit ihren Erinnerungen an die Öffentlichkeit oder zur Polizei zu trauen. „Karin“ zum Beispiel, die Angst hat, erkannt zu werden. Drei Monate nach Nickis Film erstattet auch sie Anzeige bei der Polizei in Gütersloh, berichtet von Folter und Missbrauch. Nach einem Besuch in der Wewelsburg ist sie sich sicher, hier eine Kindstötung erlebt zu haben.

Außer Nicki und Karin nennen noch zwei weitere Frauen die Wewelsburg bei Büren im Kreis Paderborn als Tatort. Bislang war sie als Kultstätte für Neonazis und heidnische Gruppen im Gespräch, jetzt wird nach und nach auch die okkultistische Bedeutung erforscht. So hat 1993 der amerikanische Satanistenführer Michael Aquino die Wewelsburg besucht und sich im Gästebuch verewigt – aus Datenschutzgründen dürfen wir den Eintrag nicht filmen. Auf der Homepage von Aquinos „Temple of Set“ findet sich die Wewelsburg direkt auf der Startseite. Im Oktober vergangenen Jahres hat die Gruppe AveSatani unter falschem Namen an einer Wewelsburgführung teilgenommen. Die Burg ist also durchaus für Satanisten interessant. Was natürlich nicht heißt, dass in schwarzen Messen auf der Burg auch Kinder getötet wurden. Dafür haben die Ermittler bislang keine Beweise gefunden. Trotzdem sind die Akten noch nicht geschlossen.

O-Ton Staatsanwalt Ralf Vetter: „Man hat halt immer das Gefühl, es kann etwas dran sein, aber bislang haben wir kein Fleisch an die Sache gekriegt.“

Das Bundeskriminalamt hat im Herbst mit speziellen Verfahren geprüft, ob irgendwo in der Burg Blutspuren zu finden sind – Fehlanzeige. Die Ermittler haben auch das Schließsystem unter die Lupe genommen. Gerüchten zu Folge soll es ganz einfach sein, nachts in die Burg zu kommen. Wir haben uns das Schließsystem zeigen lassen. 1978 wurde eine neue Alarmanlage installiert. Alle Türen und Fenster sind seither mit Magnetschranken gesichert. Außerhalb der Öffnungszeiten wird jedes Auf- und Zumachen protokolliert. Die Protokolle wurden von den Ermittlern geprüft – ohne Ergebnis. Außerdem gibt es Bewegungsmelder in allen Räumen. Außer in den sogenannten Kulträumen. Ausgerechnet der „Marmorsaal“ und die „Gruft“ im Nordturm der Wewelsburg sind nicht an das große Alarmsystem angeschlossen. Hier reicht ein einziger Schlüssel. Der allerdings nach Aussage der Kreisverwaltung nur wenigen Mitarbeitern zugänglich ist. So bleiben aber doch immer wieder Fragen offen, und ein Ende der Ermittlungen ist nicht abzusehen.

O-Ton Staatsanwalt Ralf Vetter: „Wenn sie mich das vor einem Jahr gefragt hätten, hätte ich gesagt, in 3-4 Monaten haben wir die Ermittlungen abgeschlossen. Inzwischen mag ich aber keinen Zeitraum mehr angeben, wann wir damit fertig sind.“

Die Akte „Nicki“ kann also auch nach zwei Jahren Ermittlungen noch nicht geschlossen werden.