Es ist ein Geständnis das ganz Deutschland schockt: Antje T. hat gestern Abend im Fernsehen erklärt, sie sei von Satanisten gezwungen worden, ihr Kind umzubringen. Auch andere Frauen berichten von frauenhaften Ritualen, von Vergewaltigungen und Folter.

„Ich hatte nie Zweifel an den Personen“

Nürnberg: die Fernsehjournalistin Liz Wieskerstrauch (489 beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit Satanismus und rituellem Missbrauch. Nach der Ausstrahlung von „Höllenleben 1“ meldeten sich neue Betroffene, die selbst Anzeige erstatteten.

MOPO: Hatten Sie Zweifel an der Glaubwürdigkeit der erzählten Geschichten?

Wieskerstrauch: Ich hatte komischerweise nie Zweifel an den einzelnen Personen, die ich vor mir hatte. Aber trotzdem muss man Zweifel haben. Es gehört zu einer guten Recherche, sich im Kopf immer die Möglichkeit offen zu halten: Was ist, wenn es nicht das ist? Aber es gibt eine Sonderkommission, die sehr aktiv ermittelt, die sagt: So viele Zufälle gibt es nicht.

MOPO: Existieren denn Beweise?

Wieskerstrauch: In meinem Film gibt es zwei Schwestern, die sich zehn Jahre nicht gesehen haben. Sie erzählen getrennt voneinander dieselben Hintergründe, ähnliche Rituale, dieselben Täternamen und Strukturen. Daraufhin hat die Staatsanwaltschaft die Sonderkommission gegründet. Es gibt allerdings noch keine Festnahmen.

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Bielefeld: Die Schilderung klingt wie aus einem Horrorroman: „Ich musste mein Kind töten. Der Hohepriester führte mir die Hand mit dem Messer“. Mit gesenktem Kopf erzählt Antje B. vom Unaussprechlichen: „Ich mussten den Brustkorb öffnen, diese weichen Rippen auseinanderbiegen und das Herz herausnehmen“. Gestern Abend im Ersten verfolgen Deutschlands Fernsehzuschauer die Geständnisse von Antje B. und anderen Satanisten-Opfer. Und alle fragen sich: Kann das wahr sein?

Nach Ansicht von Liz Wieskerstrauch, die den Film „Höllenleben – Der Kampf der Opfer. Ritueller Missbrauch in Deutschland“ machte, kann es das. Zwar gab es noch keine Festnahmen, „aber sehr viele Hinweise“. Zu viele, um, um die entsetzlichen Beschreibungen als Hirngespinste von psychisch kranken Menschen abtun zu können.

Denn psychisch krank sind viele Opfer von teuflischen Ritualen, die die TV-Journalistin aufgespürt hat: Als Folge der erlittenen Qualen spalteten sich manche in mehrere Identitäten, wurden zu multiplen Persönlichkeiten. So wie Nicki, deren Schicksal die Autorin schon vor zwei Jahren in einer Fernsehreportage darstellte. Nicki war jahrelang von satanistischen Zirkeln missbraucht worden. Die Ermittlungen verliefen im Sande. Doch nach der Sendung meldeten sich weitere Betroffene, auch Antje B., ebenfalls eine multiple Persönlichkeit.

Deren Aussagen wurden erst durch ihre jüngere Schwester Sandra R. glaubhaft. Ihre Eltern hatten die beiden als Kinder in eine satanistische Sekte gebrach. Obwohl sich die Frauen seit zehn Jahren nicht gesehen hatten, bestätige Sandra die Erzählungen. Männer und Frauen in Kutten sangen düstere Lieder, während Antje, damals 14, gezwungen wurde, das Baby umzubringen. „vom Herz des indes musste jeder Anwesende ein Stück essen“, berichtet sie. Auch was sie von Folterungen, sexuellem Missbrauch und Ritualen erzählt, deckt sich mit den Beschreibungen ihrer Schwester.

Beide haben Anzeige erstattet: gegen unbekannt, gegen ihre Eltern und gegen sich selbst. Auch Annette H. war in den Fängen von Satanistenanhängern. Sie wurde selbst gequält und musste anderen Schmerzen zufügen. Und sie musste mit ansehen, wie ihr kleiner Bruder bei einem Folter-Ritual zerstört wurde: „Er war hinterher nur noch ein seelenloser, wimmernder Körper“. Vor drei Jahren nahm er sich das Leben.

Sektenexperten wie Solveig Prass aus Leipzig schätzen, dass in Deutschland bis zu 1000 pädophile Satanisten ihr Unwesen treiben. Auf genaue Zahlen legt sich die Journalistin Wieskerstrauch nicht fest: „Aber ich glaube, dass es in jeder größeren Stadt mindestens fünf Therapeuten gibt, die Opfer solcher Kreise behandeln“.

Warum sind die Täter so schwer zu fassen? Die wenigsten Opfer trauen sich, mit ihren Erinnerungen an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn Aussteigen gilt als Verrat – und der wird brutal geahndet. Antje erinnert sich an einen, der ermordet und im Moor versenkt worden sein soll – zum ewigen Schweigen verdammt.